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Zum bundesweiten Vorlesetag

Hallo Leute,

ich bin Daniel, Sarahs Mann. Anlässlich des bundesweiten Vorlesetages zum 15. November melde ich mich heute bei euch.

Lesen ist Luxus – da sind wir uns alle einig – aber was ist dann erst das Vorlesen; und noch besser: wie schön ist es, wenn uns jemand vorliest.

Mir haben meine Eltern und Großeltern vorgelesen. Wahrscheinlich auch mal meine Tanten, weniger meine Onkel. Aber daran erinnere ich mich nicht, wie ich zugeben muss. Meine Geschwister haben mir nie vorgelesen, weil ich der Älteste bin und die Aufgabe somit mir zufiel.

Für die Magie spielte es keine Rolle, ob es nun die Märchen aus Tausend und einer Nacht waren (wir hatten eine illustrierte Ausgabe mit wirklich unheimlichen, von Hand gemalten Bildern) oder Fix und Foxi-Comics. Wichtig war nur eins: Nichts auslassen, kein Wort, keine Zeile und schon gar keine ganze Seite (oder Sprechblasen etwa). Fragt doch mal Sarah, was passierte, wenn ihre Mutter bei Janoschs Oh wie schön ist Panama mal etwas ausließ, weil jeden Abend die selbe Geschichte… ihr wisst schon. Pure Magie, eben.

Meine Oma mühte sich hingegen redlich mit Fix und Foxi, aber sie musste eben auch schon so vorlesen, wie ich mir das vorstellte. Oder gewohnt war. Sonst funktionierte es nicht. Meine Oma hatte aber ein kleines grünes Buch mit Weihnachtsgeschichten, das niemand so vorlesen konnte wie sie. Auf dem Einband waren verschneite Tannen zu sehen. Und wenn sie mir daraus vorlas, im Licht der Nachttischlampe oder auf dem Sofa im warmen Wohnzimmer, vom Vater, der mit dem Schlitten am Weihnachtsabend den Baum aus dem tiefen Wald holte, von Öfen, in denen Bratäpfel backten und von erleuchteten Fenstern, dann spüre ich noch heute den Raureif auf meinen Armen und höre das knarrende Geräusch von schwerem Schnee, der von Zweigen zu Boden gleitet. Meine Mama las mir später Otfried Preusslers Das kleine Gespenst vor. Und ich war jeden Abend gespannt, wie es wohl weitergeht, habe gebibbert als die Schweden kamen und mich gefreut, als die Turmuhr endlich wieder zur Nacht zwölf schlug und alles wieder so war wie es sein sollte. Und wo wir bei Preussler sind: Wer könnte je den guten alten Abraxas oder den Blocksberg vergessen? Ich sage: Vorlesen, ob man nun zuhört oder selbst liest, verleiht der Fantasie Flügel.

Und: Vorlesen, das berührt uns auch als Erwachsene noch. Wenn wir Hörbücher hören zum Beispiel. Und uns den Luxus gönnen können, uns von Andrea Sawatzki oder Daniel Craig alias James Bond alias Dietmar Wunder oder Simon Jäger ins fremde Welten entführen zu lassen. Wer möchte schließlich nicht einmal von James Bond oder Josh Hartnett eine Geschichte erzählt bekommen. Auch wenn unseren Liebsten selbstredend niemand das Wasser reichen kann.

Und heute? Lese ich selbst vor. Unserer kleinen Tochter. Vom Tiger und vom Bären. Von Connie, vom Wutmonster und von Heidi. Wir reisen nach Panama, in die Alpen und tauchen mit Ottern auf den Meeresgrund. Ist das nicht schön, du? Und oft habe ich das Gefühl, ich habe genauso viel Spaß daran wie sie. Ich kann es kaum erwarten, dass ich ihr von Dornenranken, Nangilima, dem Katthult-Hof, Bullerbü und Prinzessinnen und Königinnen erzählen kann. Von Hexen und dunklen Wäldern, von Raben und Fröschen, von Freundschaft, Mut und Hingabe. Von Siebenmeilenstiefeln und Grausetruden.

Kurz vor der Geburt habe ich damals auch vorgelesen. Aber nicht unserer Tochter, sondern Sarah. Um sie von den Wehen abzulenken. Wir waren in Waringham. Im Mittelalter. Mit Schwertern, Lords und Bier aus Holzkrügen. So bin ich im Krankenhaus dagesessen, Rebecca Gablé auf dem Schoß. Man sollte die Magie des Vorlesens niemals unterschätzen. Niemals.

Einen schönen Vorlesetag wünsche ich euch. Und bis bald.

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Category:Allgemein

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