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Rezension Snooker in Kairo von Waguih Ghali

Titel: Snooker in Kairo

Autor: Waguih Ghali

Verlag: Verlag C.H. Beck

ISBN: 978-3-406-71902-8

Seitenzahl: 256 Seiten

Erscheinungsdatum: 15. März 2018

Preis: 22,00 €


Kurzbeschreibung Snooker in Kairo

Ram, ein junger Ägypter und koptischer Christ, gehört zu der Oberschicht seines Landes. Er ist gebildet, zynisch und furchtbar gelangweilt. Wie viele andere seines Standes hat Ram eine englische Schulbildung genossen und gemeinsam mit seinem besten Freund Font und Edna, einer Jüdin, in die Ram bis über beide Ohren verliebt ist, geht er für einige Jahre nach London. Zurück in Kairo verbringt Ram seine Tage damit, durch die Bars und Clubs zu tingeln oder Font im Snooker Club zu besuchen, der dort eine Anstellung gefunden hat. Bei all seiner Überheblichkeit plagen Ram Selbstzweifel ob seiner Identität und dem Leben im Allgemeinen, mit dem er nicht so recht etwas anzufangen weiß.


Rezension Snooker in Kairo

Rams Familie besitzt zwar viel Geld, seine Mutter, eine Witwe, ist jedoch verarmt und so steht Ram bei etlichen seiner reichen Freunde in der Kreide. Was ihm an Geld fehlt, macht Ram jedoch durch Charme wett. Das Prägnanteste an ihm aber ist seine Bildung, diese beschert ihm nicht nur seinen Zynismus, sondern auch die innere Zerrissenheit, die ihn erst recht plagt, nachdem er aus London zurückgekehrt ist.
Auf der einen Seite verachtet und belächelt er die Seinen, die sich mit aller Macht an ihr Geld klammern, um so zu sein, wie die britischen Kolonialherren. Sie sprechen besser Englisch als Arabisch und vertreiben sich die Zeit mit Krocket und Bridge. Im Untergrund sammelt Ram Bilder von Nassers Konzentrationslagern, um diese an die Opposition und schließlich an sämtliche Zeitungsredaktionen weiterzugeben, jedoch ohne damit irgendwen wachzurütteln, was ihn unglaublich wütend macht. Auf der anderen Seite lebt er ein Leben als Dandy auf Pump. Er umgibt sich gerne mit schönen Frauen und verbringt seine Zeit am liebsten beim Spielen und Trinken inmitten seiner Freude. Auf diesen Lebensstil will er nicht verzichten und so trifft er am Ende eine sehr bequeme Entscheidung.

Tragischer Hintergrund dieses, in Teilen autobiografischen Buches ist, dass Waguih Ghali die gleiche Zerrissenheit geplagt hat, wie seinen Protagonisten Ram, mit dem Unterschied, dass der Autor seinem Leben 1969 ein Ende gesetzt hat.

Waguih Ghali hat ein unglaubliches Erzähltalent, er gehört zu den Autoren, die es schaffen, Szenarien so bildhaft zu beschreiben, dass man diese detailgetreu vor Augen hat. Besonders in der heutigen Zeit, in der wir unseren Alltag mit der Smartphone-Kamera dokumentieren und uns keine große Mühe geben müssen etwas besonders bildhaft zu beschreiben, fällt eine solche Art zu erzählen auf – zugegebenermaßen waren Smartphones zu Ghalis Zeit noch Zukunftsmusik. An der schillernden und doch auch irgendwie tragischen Figur des Ram, lässt sich die ägyptische Gesellschaft jener Zeit sehr gut erahnen. Das Land war in der reichen Bevölkerungsschicht sehr westlich, geprägt von Großbritannien und Frankreich. Die arme Landbevölkerung, im Buch verächtlich als “Fellachen” beschimpft, lebte hingegen ganz traditionell. „“Ich habe dir ja immer gesagt, dass man Ägypter nicht in Kairo oder Alexandria antrifft”, sagte sie. “Du hast Ägypter eigentlich nie kennengelernt. Und die Ägypter aus deiner Schicht hasse ich so sehr wie meine Eltern.” “Wenn ich kein Ägypter bin, was bin ich dann?” “Du bist, was du bist. Ein Mensch, der in Ägypten geboren wurde, auf eine englische Schule gegangen ist, viele Bücher gelesen hat und Phantasie besitzt. Aber zu sagen, dass du dies oder das oder Ägypter bist, ist Unsinn.”” (S. 120 – 121)

Bücher Rezension Snooker in Kairo von Waguih Ghali

Ich persönlich bin kein Fan von J.D. Salingers Fänger im Roggen, Waguih Ghalis Snooker in Kairo hingegen hat mir unglaublich gut gefallen. Besonders zum besseren Verständnis der heutigen Zeit ist dieses Buch eine klare Leseempfehlung.


Politische Relevanz von Snooker in Kairo

Snooker in Kairo wurde bereits 1964 erstveröffentlicht und wird als der ägyptische „Fänger im Roggen“ bezeichnet. Seit dem Ausbruch des arabischen Frühlings wurde das Buch von der jungen ägyptischen Generation wiederentdeckt. Zwar scheint die Zeit, der fünfziger Jahre, in der Ram lebt, mit der heutigen nichts gemein zu haben und doch gibt es Parallelen. Der Offizier Gamal Abdel Nasser hat sich Anfang der fünfziger Jahre an die Macht geputscht. Er war nicht nur gegen die Kolonialmacht der Briten, sondern auch gegen Juden. Im Buch versucht Ram Nasser zu bekämpfen, indem er Nassers Gräueltaten publik zu machen versucht, jedoch ohne Erfolg. Auch Abd al-Fattah as-Sisi kam 2013 durch einen Militärputsch an die Macht und auch er verstößt in grober Weise gegen die Menschenrechte. Es ist allgemein bekannt, dass Sisi als Verehrer von Gamal Abdel Nasser gilt.

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Category:Allgemein, Roman

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