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Rezension Loyalitäten von Delphine de Vigan

Titel: Loyalitäten

Autorin: Delphine de Vigan

Verlag: Dumont

ISBN: 9783832183592

Seitenzahl:  174

Erscheinungsdatum: 13. September 2018

Preis: 20,00 €


Kurzbeschreibung Loyalitäten von Delphine de Vigan

Der Lehrerin Hélène fällt das ungewöhnliche Verhalten des zwölfjährigen Théo auf – sie macht sich Sorgen, dass er zuhause misshandelt werden könnte. Immer wieder sitzt Théo müde und teilnahmslos im Unterricht, zuckt bei jeder Kleinigkeit zusammen und scheint verwirrt. Was Hélène jedoch nicht erahnt, ist der wahre Grund für Théos Verhalten. Der sitzt zwischen allen Stühlen, versucht, seinen getrennt lebenden Eltern alles recht zu machen und weiß sich nicht anders zu helfen, als einen sehr gefährlichen Ausweg aus seiner Situation zu suchen.


Rezension Loyalitäten von Delphine de Vigan

Aus der Sicht verschiedener Personen wird nach und nach Théos Geschichte erzählt.

Théo

Da ist einmal Théo selbst, zwölf Jahre alt. Er lebt immer abwechselnd eine Woche bei seiner Mutter und bei seinem Vater. Die beiden sprechen seit der Scheidung kein Wort mehr miteinander, und nicht nur das: seine Mutter kann den Gedanken kaum ertragen, dass Théo vielleicht Spaß bei seinem Vater hat. Sie schimpft über ihn, ignoriert Théo wenn er dort war, und Théo muss alle seine Kleider waschen, wenn er zu ihr zurück kommt, damit er ja nicht nach seinem Vater, dem “Scheißkerl” riecht.

“Er möchte sich in die Arme seiner Mutter flüchten. Sich im Duft ihres Parfüms beruhigen. Doch immer stößt er gegen die Steifheit ihres Rückens, diese an den Körper gelegten Arme, den gespannten Nacken, die raschen, knappen Bewegungen – sie kann ihn nicht umarmen, es fällt ihr schon schwer, ihn anzusehen, sie ist nur mit einem vollauf beschäftigt: den aus dem Land der Schande zurückgekehrten Sohn auf ihr Terrain zu lassen.” (Théo, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 114)

Als wäre das nicht genug, ist sein Vater seit Langem arbeitslos, tablettenabhängig und versumpft in seiner winzigen Wohnung im Dreck, solange Théo bei seiner Mutter ist. Der Junge ist vollkommen hin und her gerissen und seine Eltern sind viel zu sehr mit ihren eigenen Problemen beschäftigt, als dass sie sich wirklich um ihn kümmern würden.

“Théo lernte sehr schnell, die Rolle zu spielen, die von ihm erwartet wurde. Sparsam gesprochene Worte, neutraler Gesichtsausdruck, gesenkter Blick. Man musste sich unbedingt bedeckt halten. Auf beiden Seiten der Grenze drängte sich das Schweigen als das beste, das am wenigsten gefährliche Verhalten auf.” (Théo, Loyalitäten von Delphine de Vigan S. 46)

Hélène

Dann ist da Théos Lehrerin Hélène. Sie ist besorgt, weil Théo immer wieder müde und abwesend in ihrem Unterricht sitzt. Die Schulkrankenschwester findet keine Ursache und der Direktor ist der Meinung, sie übertreibt mit ihrer Sorge. Aber keiner weiß um Hélènes Vergangenheit und dass sie selbst aus einer Familie kommt, in der alle unter dem gewalttätigen Vater zu leiden hatten, der auch Hélène misshandelt hat. Dementsprechend ist sie schnell alarmiert. Allerdings steigert sich Hélène meiner Meinung nach auch ziemlich in die Sache rein, ihre eigene Vergangenheit steht ihr so deutlich vor Augen, dass sie für andere Aspekte gar nicht mehr offen ist:

“Und da sah ich die Verletzungen auf seinem Körper, ich sah sie so deutlich, als wäre seine Kleidung genau über diesen Stellen zerrissen, damit die Prellungen und das Blut sichtbar wären.” (Hélène, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 48)

Obwohl Théo überhaupt keine körperlichen Verletzungen hat, bildet sie es sich ein. Sie leidet fast schon körperlich mit ihm, meiner Meinung nach eine völlig überzogene Reaktion, auch wenn es natürlich gut ist, wenn Lehrer aufmerksam bei solchen Fällen sind.

“Sah ich etwa so aus, als würde ich das auf die leichte Schulter nehmen? Ich wache jede Nacht auf, weil mir die Angst den Atem nimmt, und brauche oft Stunden, um wieder einzuschlafen. Ich habe keine Lust mehr, mit meinen Freunden auszugehen oder ins Kino, ich verweigere mich jeder Zerstreuung.” (Hélène, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 47)

Und doch ist es Hélène, die sich als Einzige wirklich um Théo zu sorgen und zu kümmern scheint.

Mathis und Cécile

Neben Théo und Hélène, die im Fokus der Geschichte stehen, gibt es weitere Kapitel aus der Sicht von Mathis – Théos bestem Freund, der ihn einerseits unterstützt und sich andererseits Sorgen macht, aber nicht stark genug ist, jemandem davon zu erzählen – und Cécile – der Mutter von Mathis, die findet, dass Théo ein schlechter Umgang ist.

Die Personen in diesem Buch sind alle wunderschön detailliert herausgearbeitet, es wird dargestellt, welche Probleme jeder von ihnen hat und man versteht dann Vieles besser. Während ich am Anfang dachte, dass Cécile eine eingebildete Vorstadtmutter ist, erfährt man nach und nach von ihrer Geschichte und welche eigenen Probleme bei ihr zugrunde liegen. Obwohl ich sie dann immer noch etwas unsympathisch fand, konnte ich doch einige ihrer Verhaltensweisen besser nachvollziehen.

Der Hintergrund

Was aber ist denn nun das Geheimnis von Théo? Théo wird nicht misshandelt. Zumindest nicht körperlich; ab wann man von psychischer Misshandlung sprechen kann, kann ich nicht beurteilen. Aber Théo steht zwischen seinen Eltern und der Loyalität, die er beiden gegenüber an den Tag legt. Er liebt seine Eltern, auch wenn er das so nie sagt. Man spürt es, in dem, wie er sich verhält, wie er sich um seinen Vater kümmert und seine Wohnung aufräumt, wie er versucht, seiner Mutter nicht von der Zeit beim Vater zu erzählen – was sollte er auch sagen? Dass sein Vater benebelt und lethargisch im Bett liegt? Das wäre seiner Mutter vermutlich recht und würde sie nur in ihrer Ablehnung bestätigen. Théo ist eigentlich ganz allein.

Und so flüchtet sich Théo in den Alkohol. Als ich das gelesen habe, war ich erstmal total geschockt. Mit 12 Jahren? Da ist er doch eigentlich noch ein Kind. Für Théo ist es die einzige Möglichkeit, aus seiner Welt zu entfliehen. Zusammen mit Mathis besorgt er immer wieder Alkohol und sie trinken ihn in einem geheimen Versteck in der Schule. Während es Mathis aber zunehmend zu viel wird, trinkt Théo immer weiter.

“”Théo trinkt Alkohol, als wollte er daran sterben.” Seit mehreren Minuten schon geht ihm dieser Satz durch den Kopf, ernst, schwerwiegend und so schwer auszusprechen.” (Mathis, Loyalitäten von Delphine de Vigan, S. 107)

Mathis schaut hilflos dabei zu, wie sein Freund immer mehr und immer stärkeren Alkohol trinkt. Er würde sich gerne jemandem anvertrauen, weiß aber nicht wem. Lehrerin Hélène? Oder wäre das Verrat? Seiner Mutter? Die hält sowieso nichts von Théo. Théos Vater? Ist kaum ansprechbar. Théos Mutter? Scheint ihm unerreichbar und auch das käme ihm wie Verrat vor. Was also soll er tun?

Meine Meinung

Ich habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Die Geschichte ist unheimlich fesselnd und man fühlt mit den Protagonisten, besonders mit Théo und Hélène mit. Ich wurde stellenweise wirklich traurig beim Lesen und habe mich mehr als einmal daran erinnert, mein eigenes Leben mehr zu wertschätzen – denn zum Glück bin ich von all diesen Situationen weit entfernt. Mir als Mutter hat das Herz weh getan bei Théos Beschreibungen seiner Eltern. Ich bin mir sicher, dass sie ihn auf ihre Art lieben, aber wie man so sehr mit sich selbst beschäftigt sein kann und weder mitbekommt, wie sehr das eigene Kind leidet, noch dass es in eine Alkoholsucht abrutscht – mit 12 Jahren! – kann ich nicht nachvollziehen.

Solche Konstellationen gibt es sicherlich nicht nur in Paris, wo das Buch spielt, sondern an ganz vielen Orten dieser Welt: Kinder, die viel zu früh viel zu viel Verantwortung tragen müssen und so alleine sind, dass sie sich in irgendeine Sucht oder in Gewalt flüchten. Bei Théo scheint es nicht darum zu gehen, Aufmerksamkeit zu gewinnen, sondern eher darum, zu verschwinden und nicht mehr nachdenken zu müssen.

Dass Hélène so eine aufmerksame Lehrerin ist, die wohl als Einzige in Théos Umfeld richtig bemerkt, dass mit dem Jungen etwas nicht stimmt, finde ich bewundernswert. Vermutlich stumpft man, gerade in Problemvierteln, schnell ab und vielleicht braucht es so einen persönlichen dramatischen Hintergrund wie Hélènes, um immer noch ein Gespür dafür zu haben, wann es einem Kind nicht gut geht. In ihrem Fall vermute ich jedoch, dass es sie in nicht allzu ferner Zukunft kaputt machen wird, wenn sie sich bei jedem “Problemfall” so hineinsteigert.

Fazit

Loyalitäten hat mich sehr beeindruckt und mit vielen Eindrücken zurückgelassen, über die ich sicherlich noch lange nachdenken werde. Ein ernstes Buch mit vielen wahren Aspekten darin. Delphine de Vigan hat einen sehr interessanten und eindrücklichen Schreibstil, der für diese Geschichte perfekt war. Obwohl es kein klassischer Roman mit Höhe- und Tiefpunkten ist, sondern eher die Darstellung einer gesellschaftlichen Situation, war ich gefesselt und kann das Buch nur wärmstens empfehlen.


Dieses Buch wurde uns von vorablesen.de kostenlos zur Verfügung gestellt. Für das Verfassen der Rezension wurden wir nicht bezahlt.

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Category:Roman

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