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Rezension Der Zopf von Laetitia Colombani

Titel: Der Zopf

Autor: Laetitia Colombani

Verlag: S. Fischer

ISBN: 9783103973518

Seiten:  288

Erscheinungsdatum: 21. März 2018

Preis: 11,00 €


Kurzbeschreibung Der Zopf von Laetitia Colombani

Drei Frauen, drei Länder, drei Schicksale. Die Leben von Smita in Indien, Giulia in Italien und Sarah in Kanada könnten unterschiedlicher nicht sein. Und doch gibt es etwas, das sie alle verbindet. Smita kämpft um eine bessere Zukunft für ihre Tochter und setzt dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel. Giulia steht nach dem Unfall ihres Vaters vor der Herausforderung, das Familienunternehmen zu retten. Und Sarah versucht, ihre Krebserkrankung ganz alleine zu meistern. Wie all diese Geschichten zusammengehören beschreibt Laetitia Colombani auf beeindruckende Weise.


Rezension Der Zopf von Laetitia Colombani

Drei Frauen…

“Der Zopf” beginnt mir Smitas Geschichte in Indien. Smita ist eine Dalit, gehört somit also keiner Kaste an. Diese Menschen werden in Indien als unrein betrachtet, werden die “Unberührbaren” genannt. Menschen wie Smita werden auch heute noch oft diskriminiert und gemieden. Smita hat einen Job, den man sich in unserer westlichen Welt kaum vorstellen kann. Sie reinigt die Toiletten bzw. Klärgruben anderer Leute. Das macht sie mit bloßen Händen und einem Korb, in dem sie die Fäkalien sammelt. Ihr Mann jagt auf den Feldern Ratten und darf diese immerhin behalten und sorgt damit dann für das Abendessen der kleinen Familie. Als Smitas Tochter alt genug für die Schule ist, nimmt sie ihr ganzes Erspartes und ihren Mut zusammen und bittet den Lehrer, Lalita in der Schule aufzunehmen. Er stimmt zu und Smita ist mehr als glücklich. Sie hofft, dass immerhin ihrer Tochter das eigene Schicksal erspart bleibt, indem sie Lesen und Schreiben lernt. Doch es kommt alles anders, der Lehrer demütigt Lalita und Smita sieht nur noch eine Chance: die Flucht!

Giulia ist eine junge Frau in Italien. Ihrer Familie gehört seit Generationen eine Perückenfabrik, in der auch Giulia unter ihrem Vater als Chef arbeitet. Das Unternehmen folgt alten Traditionen, die Mitarbeiter sind dort seit vielen Jahren beschäftigt. Giulia liebt ihren Job, aber als ihr Vater einen Unfall hat und im Koma liegt, muss sie feststellen, dass es so nicht weitergehen kann. Die Fabrik steht kurz vor der Insolvenz und Giulia ist verzweifelt. Doch genau in dieser Zeit tritt ein Mann in ihr Leben, der ihr eine neue Perspektive eröffnet. Giulia und ihre Familie stehen vor der Wahl aufzugeben oder neue Wege zu beschreiten. 

Sarah ist Mutter von drei Kindern von zwei Vätern. Von beiden ist sie getrennt. Sie ist erfolgreiche Anwältin, trennt Familie und Arbeit strikt. Die Schwangerschaften hatte sie jeweils so lange wie möglich verheimlicht, kam so schnell wie möglich nach der Geburt wieder. Ihre Rolle als Mutter scheint bei ihrer Arbeit keine Rolle zu spielen, sie will sich keine Blöße geben. Als sie die Diagnose Brustkrebs bekommt, plant sie, auch dieses “Problem” von der Arbeit fernzuhalten. Die Termine zur Bestrahlung nimmt sie heimlich war, von der Chemotherapie erzählt sie niemandem. Während erst alles gut zu gehen scheint, wird sie jedoch irgendwann “erwischt” und ihr Leben gerät aus den Fugen.

… und drei Geschichten

Drei Frauen, die ihr eigenes Schicksal meistern müssen. Jede von ihnen hat mit ernsten Problemen zu kämpfen. Für mich als Leserin war dies äußerst ergreifend zu lesen. Am schockierendsten fand ich dabei Smitas Geschichte. Man vergisst allzu leicht, wie gut wir es hier haben. Ein Kastensystem voller Ungerechtigkeit, ein Leben in dem man mit bloßen Händen Fäkalien sammeln muss, eine Welt in der Männer bestraft werden, indem ihre Töchter oder Schwestern vergewaltigt werden. Das alles liegt eigentlich jenseits meiner Vorstellungskraft und hat mich wirklich erschüttert. Obwohl in Indien seit 1997 ein Dalit sogar Staatspräsident ist und sich für die Gleichberechtigung aller Menschen in Indien einsetzt, scheint sich für die Menschen in manchen Teilen des Landes nichts geändert zu haben.

Smitas Geschichte beeindruckt mich einerseits, weil ich sie sehr mutig finde. Sie kämpft wie eine Löwin für die Zukunft ihrer Tochter, setzt alles aufs Spiel. Andererseits irritiert mich die Religiosität dieser Frau doch sehr. Immer wieder gibt es Situationen, in denen sie kaum Geld für Essen und Trinken hat, dieses dann aber zum Pilgern oder für Spenden ausgibt. Ich glaube das ist eine Form von Glauben, die man hierzulande nicht wirklich nachvollziehen kann. Ich weiß nicht, ob es einem vielleicht mit solch einem starken Glauben besser geht und man auf diese Weise ein schwieriges Leben besser meistern kann, aber ich denke, man kann Smitas Leben einfach in keinster Weise mit dem Leben hier in Deutschland vergleichen.

Giulia, die in Italien lebt, ist eine unbeschwerte junge Frau, ihr Leben ist kein luxuriöses, aber geregeltes mit nicht allzu vielen Sorgen. Sie lebt für das Familienunternehmen, ohne sich einen Kopf darum zu machen, was dahinter steckt. Aber auch hier gibt es viele Traditionen, gegen die sie immer wieder kämpfen muss. Zuerst im Kleinen, als sie sich in einen Mann verliebt, der nicht aus ihrem Land stammt, sondern aus Indien. Während sie ihn erst versteckt hält, ist er schließlich derjenige, der ihr und ihrer Familie eine neue Perspektive gibt. Aber auch die Tatsache an sich, dass eine junge Frau mit einem alteingesessenen Unternehmen ganz neue Wege gehen will, bringt die Familie gegen sie auf und ihr die skeptischen Blicke der Bevölkerung ein.

Giulias Geschichte ist in meinen Augen die unspektakulärste der drei, aber das Bindeglied zwischen Smitas und Sarahs Leben. Ich habe mir tatsächlich noch nie Gedanken über die Herstellung von Perücken gemacht und durch dieses Buch einen kleinen Einblick bekommen.

Sarah lebt in Kanada, das ich in Gedanken eigentlich ganz gut mit Deutschland vergleichen kann. Dass es doch sehr anders sein kann, ist mir beim Lesen klar geworden. Sicherlich gibt es auch hier noch Branchen bzw. Unternehmen, in denen man sich keine “Fehltritte” leisten kann, in denen es einen deutlichen Karriereknick gibt, wenn jemand Kinder bekommt oder ernsthaft krank wird. Aber ich gehe doch davon aus, dass (hoffentlich) die wenigsten Menschen gezwungen sind, eine Schwangerschaft, eine Krankheit oder eine andere besondere persönliche Situation komplett aus dem Berufsleben zu schneiden. Diesen emotionalen und sozialen Druck finde ich schon sehr beunruhigend. Sarah scheint zu Beginn des Buchs mit ihrem Leben eigentlich recht zufrieden, was ich mir bei der Schilderung ihres Alltags kaum vorstellen kann. Keine Zeit für ihre Kinder, für Urlaub, für Hobbies, nur Arbeit und Karriere. Erst als die Krebserkrankung sie mehr und mehr beeinträchtigt und sie ihr Geheimnis nicht mehr bewahren kann, wird sie gezwungen, über ihr Leben nachzudenken und einiges zu ändern. Ich persönlich kann mir gar nicht vorstellen, wie man mit diesem Leben erfüllt und glücklich sein kann, auch wenn man es nicht mit dem Leben von Smita vergleichen kann und es im Vergleich dazu wie ein Luxusproblem erscheint. 

Was ich aus dem Buch mitnehme:

Doch kann man diese schwierigen Schicksale wirklich miteinander vergleichen? Muss man dramatische Situationen oder Leben überhaupt vergleichen? Oder ist jedes Schicksal gemessen an den eigenen Maßstäben für sich zu betrachten? Diese Diskussion hatte ich schon öfter, wenn es darum ging, ob man über eine Situation im eigenen Leben jammern “darf” oder nicht. Sicher: wenn man am schlimmstmöglichen Schicksal misst, ist vermutlich alles in meinem Leben sehr harmlos. Und das sollte man sich sicherlich oft bewusst machen. Aber trotzdem kann es für das eigene Leben sehr schlimm sein und einen stark beeinflussen. 

Was ich aus dem Buch mitnehme, ist sich wirklich mehr Gedanken zu machen, wie es anderen Menschen geht, die vielleicht kein so behütetes Leben haben wie ich selbst (selbst wenn auch mein Leben beim besten Willen kein Ponyhof ist). Und genau deshalb sollte man versuchen, das Beste aus dem eigenen Leben zu  machen und sich öfter selbst fragen, ob man glücklich ist, bzw. wie man glücklicher sein kann. Nicht jeder hat die Möglichkeit, dies zu beeinflussen, aber mit genug Mut und Entschlossenheit kann man sein Leben zumindest ein bisschen mehr selbst in die Hand nehmen. 


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Category:Allgemein, Drama, Roman, Woman

2 Comments

  • 21. März 2020 at 8:50
    Wheniss.com

    Ich betrete Ihre website regelmäßig fast jeden Tag. Sie haben einige tolle Artikel. Ich Liebe Ihre Vorschläge. Danke.

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    • 21. März 2020 at 9:40
      Sarah

      Danke! Das freut mich zu hören!

      REPLY

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