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Rezension Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Titel: Der Frauenchor von Chilbury

Autorin: Jennnifer Ryan

Verlag: Argon Hörbuch

ISBN: 9783839815762

Länge:  7 Stunden 46 Minuten

Erscheinungsdatum: 7. September 2017

Preis: 19,95 €


Kurzbeschreibung Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

England im Zweiten Weltkrieg, die Männer sind im Krieg, die Frauen, Kinder und Alten müssen zuhause alleine über die Runden kommen. Als der Pfarrer beschließt, dass aufgrund des Männermangels der Chor geschlossen wird, ist die Enttäuschung groß. Bis eine engagierte Gesangslehrerin auftaucht und beschließt, einen Frauenchor zu gründen. Die Idee scheint revolutionär, gibt den Frauen dann jedoch viel Kraft.

Aus unterschiedlichen Perspektiven wird hier die Geschichte eines kleinen Dorfs in Südengland mitten im Zweiten Weltkrieg erzählt.


Rezension Der Frauenchor von Chilbury von Jennifer Ryan

Als ich mit dem Hörbuch “Der Frauenchor von Chilbury” begonne habe, war mir vor allem nach etwas Schönem und Leichtem. Zu viele Thriller in letzter Zeit. Ich habe keinen Klappentext gelesen, sondern einfach ganz spontan rein gehört und hatte dementsprechend keine großen Erwartungen.

Es ist das Jahr 1940 in Südengland. Ein kleines verschlafenes Dörfchen, Chilbury, das mit den gleichen Problemen zu kämpfen hat, wie alle anderen zu jener Zeit. Die Männer sind – größtenteils – im Krieg, die Frauen schmeißen den Laden. Als der Pfarrer verkündet, dass der beliebte Chor aufgelöst wird, weil ja die Männer fehlen, sind alle traurig. Aber erst die neu hinzugezogene Musiklehrerin Prim bringt die Idee auf, einen Frauenchor zu gründen. Keiner glaubt so recht daran, dass das funktionieren könnte, aber da Singen allen so viel Hoffnung gibt, wollen sie es probieren.

Vier Frauen, ein Chor. Jede von ihnen hat ihre eigene Geschichte, alle sind sie miteinander verwoben. Geschildert wird das Ganze in Form von Briefen und Tagebucheinträgen.

Mrs. Paltry ist eine etwas zwielichtige Hebamme, die ihrer Schwester schreibt und von den Ereignissen berichtet. Sie wird vom reichen Mr. Winthrop dazu überredet, ein Verbrechen zu begehen und lässt sich fürstlich dafür entlohnen. Sie soll direkt bei der Geburt sein eigenes Kind, sollte es wieder ein Mädchen werden, gegen ein anderes Neugeborenes austauschen, da ein männlicher Stammhalter benötigt wird. Mrs. Paltry sieht das als ihre große Chance, endlich aus ihrem ärmlichen Leben rauszukommen. Doch natürlich läuft nicht alles so reibungslos wie erhofft.

Mrs. Tilling ist die örtliche Krankenschwester, Witwe, der Sohn im Krieg. In ihrem Journal schreibt sie ihre Gedanken nieder. Sie wittert Verdacht, als im Ort zwei Kinder am gleichen Tag geboren werden und anscheinend beide Atemprobleme haben, so dass sie nicht gleich zur Mutter können. Und kann es Zufall sein, dass Mrs. Paltry bei beiden Geburten ihre Finger im Spiel hatte?

Kitty Winthrop, 13 Jahre alt, schreibt Tagebuch und ist unglücklich, dass alle sie noch als Kind ansehen. Sie wittert ihre Chance, als sie im Chor ein Solo singen darf, und hofft dabei, dass ihr Angebeteter, Henry, sie endlich wahrnimmt. Unbedarft beschreibt sie die Geschehnisse und versteht nicht immer die feinen Nuancen des Erwachsenenlebens.

Venetia Winthrop, Kittys Schwester, 18 Jahre alt, berichtet in Briefen an ihre Freundin Angela darüber, was sie bewegt. Sie hat sich in einen neu hinzugezogenen Künstler verguckt und tut alles dafür, dass er sie wahrnimmt – mit Erfolg. Doch ist Alistair wirklich der Mann, der er vorzugeben scheint?

Dieses Buch liefert ein Bild der Gesellschaft, ein Bild der Geschehnisse im England der Kriegszeit. Es gibt zahlreiche kleine rote Fäden, die sich durch die Berichte aller vier Frauen ziehen, aber nicht die eine große Story mit Abschluss. Das finde ich eigentlich ganz nett. Bei jeder der Protagonistinnen steht etwas anderes im Fokus. Während Kitty sich stundenlang übers Singen auslassen kann, geht es für Mrs. Poltry nur darum, endlich aus ihrem Leben auszubrechen, endlich Geld zu haben. Dafür würde sie vermutlich auch über Leichen gehen. Mrs. Tilling hingegen scheint die gute Seele des Dorfes zu sein, die mit der Zeit immer mehr an Courage gewinnt und sich am Ende richtig gut durchsetzen kann. Venetia scheint auf den ersten Blick wie ein verwöhntes Mädchen, der alle anderen egal sind … bis sie am Tiefpunkt ihres bisherigen Lebens angelangt ist und sich alles ändert.

Jede der Frauen ist ganz unterschiedlich. Das wird besonders im Hörbuch deutlich, in dem jede von einer anderen Sprecherin vertont wird und so der Person ihren ganz besonderen Charakter verleiht.

Im Gegensatz zu dem, was ich erwartet hatte, ist dieses Buch nicht einfach nur ein leichter Schmöker, sondern geht an vielen Stellen sehr in die Tiefe, behandelt auch unangenehme Themen, allerdings eben im Tonfall und entsprechend der Wahrnehmung der jeweiligen Person. Die Familie Winthrop hat beispielsweise ein junges Flüchtlingsmädchen aus Tschechien aufgenommen. Als rauskommt, dass ihr Eltern ins Arbeitslager verbannt wurden, versteht Venetia sehr deutlich, was das bedeutet und misst dem eine ganz andere Tragweite zu, als die junge Kitty, für die das zwar sehr traurig ist, die sich aber nicht wirklich etwas darunter vorstellen kann.

Ich fand es nicht nur interessant, die Geschichte rund um den Krieg zu lesen und zu sehen, wie unterschiedlich die Wahrnehmung in den verschiedenen Ländern war (denn ich habe schon viele Bücher gelesen, die im Zweiten Weltkrieg spielen), sondern auch, in welchem Wandel sich die Zeit damals befand: Einerseits schon auf dem Weg in ein modernes Leben, wie wir es heute kennen, in dem Frauen Berufe haben, Telefone und Autos langsam keine Seltenheit mehr waren, aber andererseits eben ein männlicher Stammhalter existenziell sein konnte, Schwulsein nicht nur vor dem Gesetz unter Strafe stand, sondern auch moralisch verurteilt wurde, und eine Schwangerschaft ohne Ehe eine Katastrophe sein konnte. Vieles kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen.

Der Schreibstil des Buchs ist trotz der unterschiedlichen Eigenheiten der Protagonistinnen doch sehr ähnlich. Eine etwas blumige Sprache, die gut zur damaligen Zeit passt und mit großem Fokus auf die feinen Nuancen des Zwischenmenschlichen.

Alles in allem ein sehr gut zu lesendes Buch (bzw. ein gut zu hörendes Hörbuch), für alle, die gerne Gesellschaftsromane mit einem historischen Touch mögen. Der Chor als Namensgeber der Geschichte hätte meiner Meinung nach noch eine ein klein wenig größere Rolle spielen können.

Ach ja, im Hörbuch war besonders nett, dass zwischendurch tatsächlich ein Chor gesungen hat, natürlich an den passenden Stellen.


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