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Rezension Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung von Kamel Daoud

Titel: Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Autor: Kamel Daoud

Verlag: KiWi Verlag

ISBN: 978-3-462-05060-8

Seitenzahl: 208 Seiten

Erscheinungsdatum: 17. August 2017

Preis: 17,99 €


Kurzbeschreibung Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

Spätabends in einer Bar irgendwo im algerischen Oran beginnt ein alter Mann einem Unbekannten seine Familiengeschichte zu erzählen. Von seinem Bruder, der von einem Franzosen namens Meursault an einem Strand erschossen wurde, von der verzweifelten Suche seiner Mutter nach etwas, das über die zwei Zeitungsausschnitte hinausging, die sie zu dem Mord an ihrem Sohn hat und von der Last, die er nach dieser Tat sein Leben lang zu tragen hatte. Es ist die Familiengeschichte des unbekannten Arabers, der von Albert Camus’ Protagonisten Meursault 1942, in seinem Roman Der Fremde erschossen wurde. Der Roman gibt dem Opfer aus Camus’ Roman nicht nur eine Geschichte, sondern auch einen Namen – Moussa.


Rezension Der Fall Meursault – eine Gegendarstellung

In seinem Roman nimmt Kamel Daoud es mit einem Roman der Weltliteratur auf und erzählt dessen Geschichte weiter, zum Glück ohne sie dabei zu verwursten. Der Leser nimmt dabei die Rolle einer Person ein, die mit dem Bruder des erschossenen Arabers in einer Bar sitzt und sich Abend für Abend seine Geschichte anhört. Von ihm erfahren wir, dass der tote Araber Moussa hieß, das er eine Mutter und einen kleinen Bruder hatte und das sein Vater verschwunden war. Daoud erzählt neben dem Mord auch von den letzten Tagen der Kolonialgeschichte Algeriens und den französischen Besatzern.

Der jüngere Bruder Haroun, Protagonist in Daouds Roman, wird zerrieben von der Trauer seiner Mutter über den Tod seines Bruders und fühlt sich als Lückenbüßer, der einem Gespenst hinterher jagt. Tatsächlich haben er und seine Mutter Jahre damit verbracht, von Ort zu Ort zu gehen, um herauszufinden, was vor und vor allem nach der Tat mit Moussa passierte. All das hat wohl den Zyniker aus ihm gemacht, der nun in der Bar sitzt und seine Geschichte und die seines Landes erzählt, das in seinen Augen nach der Befreiung einen falschen Weg eingeschlagen hat. “Vor Jahrhunderten hätte man mich vielleicht wegen meiner Gewissheiten und der Rotweinflaschen in den Gemeinschaftsmülltonnen bei lebendigem Leib verbrannt. Heute gehen sie mir aus dem Weg. Ich empfinde ein fast göttliches Mitleid für diesen Ameisenhaufen und sein Durcheinander von Hoffnungen. Wie kann man nur glauben, dass Gott zu einem einzigen Menschen gesprochen hat und sich dann für immer in Schweigen hüllt?” (Seite 106 – 107).

In der Geschichte zeigen sich zahlreiche Parallelen zu Camus Protagonisten Meursault, der ja ebenfalls Kritik an der Religion übte, auch wenn es sich dabei um eine andere Religion gehandelt hat. Wie in Camus‘ Der Fremde, passiert auch in diesem Roman ein Mord an einem Unbeteiligten. Dieser hat aber im Gegensatz zu Meursaults Opfer sehr wohl einen Namen, es scheint fast so, als hätte Daouds Protagonist Albert Camus zeigen wollen, dass man die Ermordeten zumindest bei ihren Namen nennt.

Das Buch wurde von den Kritikern durch die Bank weg gelobt und ich muss auch sagen, dass mir die Idee, eine Gegendarstellung zu einem so großen Werk der Literaturgeschichte zu schreiben, sehr gut gefallen hat. Auch der Sprachstil, den Daoud in seinem Roman verwendet, passt zu jenem, den Camus verwendet hat. Allerdings muss ich sagen, dass ich das Buch im Mittelteil etwas zu langatmig und ereignislos fand. Erst ab der Stelle, wo Meriem auftaucht, hat mich der Roman dann wieder mitgerissen. Meriem, eine junge algerische Studentin, hat beschlossen Nachforschungen über die Identität des toten Arabers aus dem Roman Der Fremde anzustellen und landet schließlich bei Haroun und seiner Mutter. So kommt der Protagonist erstmals mit dem Roman in Berührung. Die Art und Weise, wie Daoud es geschafft hat, seine Geschichte mit der von Camus zu verweben, ist ihm wirklich grandios gelungen. Wer von euch dieses Buch lesen möchte, der sollte in jedem Fall zuvor Der Fremde von Albert Camus gelesen haben, sonst ergibt die Geschichte für den Leser wenig Sinn.

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Category:Allgemein, Roman

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