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Rezension Der Englische Liebhaber von Federica de Cesco

Rezension Der englische Liebhaber von Federica de Cesco

Infos zu Der englische Liebhaber

Titel: Der englische Liebhaber

Autorin:  Federica de Cesco

Verlag:  Europa Verlag

ISBN: 9783958900806

Seitenanzahl: 360

Erscheinungsdatum: 29. Juni 2018

Preis: 19,90 €


Kurzbeschreibung Der englische Liebhaber

Charlotte findet im Nachlass ihrer Mutter Anna mehrere Kisten mit Tagebüchern, Briefen und Tonbandaufnahmen. Trotz des schwierigen Verhältnisses zu ihrer Mutter taucht sie nun in deren Vergangenheit ab und beginnt zu verstehen, was 40 Jahre zuvor, kurz nach dem Ende des zweiten Weltkrieges passiert ist und wie das alles ihr eigenes Leben prägt. Anna hatte damals einen englischen Liebhaber, mit dem sie sich eine gemeinsame Zukunft erträumte. Doch ausgerechnet, als sie mit Charlotte schwanger wurde, verschwand dieser ohne ein Lebenszeichen und Anna musste sich alleine mit Charlotte durchschlagen.


Rezension Der englische Liebhaber

Als Kind habe ich die Bücher von Federica de Cesco geliebt und als ich in der Bücherinsel bei meiner Mutter Der englische Liebhaber stehen sah, musste ich es einfach mitnehmen. Ich habe noch nie ein Erwachsenen-Buch von ihr gelesen (und so geht es anscheinend einigen meiner Freundinnen, habe ich inzwischen erfahren) und war dementsprechend gespannt.

Dokumentation einer schwierigen Zeit

Die Geschichte beginnt im Jahr 1988 mit Charlotte. Charlotte ist zu diesem Zeitpunkt 41 Jahre alt, arbeitet in Berlin als Regisseurin für einen Dokumentarfilm und scheint alles in allem etwas verkorkst zu sein. Ich weiß nicht, ob die Kapitel, die 1988 spielen, den typischen Zeitgeist dieser Zeit widerspiegeln sollen – ich war damals erst 5 Jahre alt, aber Charlotte scheint geprägt zu sein von dem Wunsch, gegen alles und jeden zu protestieren; sie engagiert sich stark für Tierschutz, Menschenrechte, etc.. Mitten von einer Party weg wird Charlotte nach Münster zu ihrer Mutter Anna gerufen, die in einem Pflegeheim im Sterben liegt.

Während die ersten Seiten einfach nur nüchtern geschrieben sind, wird es jetzt um ehrlich zu sein etwas merkwürdig. Dialoge sind meiner Meinung nach nicht gerade die Stärke des Buchs: Charlotte und Anna, die sich seit Jahren nicht gesehen und nur selten am Telefon gesprochen haben, und die wissen, dass ihnen nicht mehr viel Zeit bleibt, führen eine seltsame Unterhaltung über Charlottes aktuelles Filmprojekt (über Schlachthöfe!) und sind im nächsten Satz dabei, äußerst nüchtern über die Vergangenheit und Charlottes Vater zu reden. Ich weiß nicht, ob es wirklich Familien gibt, in denen man so miteinander redet, ich persönlich könnte es mir nicht vorstellen, so mit meiner Mutter oder meiner Tochter zu reden. Die Beiden sind mehr als kühl zueinander, vorwurfsvoll und eine Menge ungesagte Dinge stehen zwischen ihnen.

Anna bittet Charlotte, aus ihrer Wohnung einige Kisten mit Briefen, Tonbändern und Tagebüchern zu holen, ebenso wie eine Uhr und einen Ring, die von Charlottes Vater Jeremy stammen. Charlotte nimmt alle Gegenstände mit nach Hause nach Berlin, wo sie, allerdings erst Monate später, nach Annas Tod, die Kisten sichtet. Durch diese Briefe und Tagebücher bekommt man nun einen Einblick in Annas – und später auch Charlottes Leben.

Annas Geschichte beginnt direkt nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Durch Briefe und Tagebucheinträge bekommt man langsam einen Einblick in Annas Leben und das ihrer Familie – der Hauptteil des Buchs spielt zu Annas Zeiten und erzählt ihre Geschichte.

Anna arbeitet 1945 als Übersetzerin für englische Soldaten, die deutsche Kriegsgefangene verhören. Schon bald verliebt sie sich in Jeremy, der ihrem Leben wieder ein bisschen Freude gibt. Unter größter Geheimhaltung führen sie für einige Zeit eine Art Beziehung, wohl wissend, dass diese Art der Verbindung weder von Jeremys Kameraden, noch von Annas Familie und Nachbarn gern gesehen wird. Und dann wird Anna schwanger, und das im ungünstigsten Moment, als Jeremy gerade wieder nach England zurück gegangen ist. Anna informiert ihn natürlich sofort, bekommt aber keine Rückmeldung – Jeremy bleibt verschwunden und sie muss sich mit der kleinen Charlotte alleine durchkämpfen.

Schicksale und Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Geschichte von Anna und Charlotte, die hier erzählt wird, ist interessant. Schicksale finde ich immer faszinierend und natürlich musste ich bei vielen Schilderungen an meine eigenen Großeltern denken, die zu jener Zeit in einem ähnlichen Alter gewesen waren. Die Darstellung des Lebens, der Schwierigkeiten, die man damals hatte, aber auch der spätere Aufschwung und die Veränderung, die durch die Gesellschaft ging, sind anschaulich dargestellt und einige Themen der Schuld werden aufgearbeitet. Ich bin mir sicher, dass es viele ähnliche Schicksale gegeben hat, viele Kinder, die aus Beziehungen mit Soldaten der Besatzungsmächten entstanden sind und die damit zu kämpfen hatten.

Anna glaubt immer an ihre Liebe zu Jeremy, wartet auf ihn und hält an ihren Gefühlen fest. Ich weiß nicht, ob es eine reine Generationenfrage ist, oder eher auf den Typ Mensch ankommt, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie es sich anfühlen muss, sein Leben so vollkommen ohne… Lebensfreude zu verbringen und immer auf den einen “Prinzen” zu warten, der vielleicht kommt, vielleicht auch nicht.

Möglicherweise ist es aber auch einfach eine Besonderheit des Buchs. So interessant ich die eigentliche Geschichte nämlich fand, so seltsam fand ich den Schreibstil des Buchs. An vielen Stellen hat es mich an ein Sachbuch, eine Dokumentation, erinnert, die einfach das Leben in den Nachkriegsjahren darstellen. Gerade weil das Buch Tagebucheinträge und Briefe versprach, war ich umso enttäuschter, dass dem Buch an vielen Stellen jegliche Emotionen fehlten und für meinen Geschmack alles nüchtern, aber trotzdem voller blumiger Ausschmückungen war. Es mag an der Mehrsprachigkeit von Autorin Federica de Cesco liegen, aber ich bin mit dem Schreibstil einfach nicht zurecht gekommen. Die Monologe waren entweder so kalt, dass es wie einstudiert klang, oder oft eher Monologe über meiner Meinung nach unnötige Themen. Nach dem ersten Kuss von Anna und Jeremy beispielsweise wird erstmal einige Minuten darüber diskutiert, ob man sich jetzt beieinander entschuldigen muss oder nicht und ob das jetzt eine sinnvolle Sache ist oder nicht, direkt gefolgt von der Frage ob die beiden jetzt eine Affäre beginnen werden. Wer macht denn sowas?

Leider zieht sich das durch das ganze Buch. Der Dokumentarstil, Entscheidungen und Verhaltensweisen, die ich in keinster Weise nachvollziehen kann, Charlotte, mit der ich nicht warm geworden bin und Anna, die ich zwar sympathisch finde, aber deren Art, mit der Situation umzugehen, ich nicht verstehe, machen es wirklich schwer, das Buch zu mögen. Mag sein, dass ich nicht die Zielgruppe bin, mag sein, dass ich nicht nachvollziehen kann, wie die Menschen ein bzw. zwei Generationen vor meiner sich verhalten haben. Von einem guten Buch würde ich allerdings erwarten, dass es mir genau das vermittelt. Gerade mir, als jemandem, der diese Zeiten nicht miterlebt hat.

Nach einer wahren Geschichte…

Federica de Cesco hat dieses Buch nach einer wahren Geschichte, der Geschichte ihrer Tante, geschrieben und vielleicht hat sie diese einfach so dargestellt, wie es tatsächlich war. Aber von einem Roman erwarte ich dann doch etwas mehr als nur die schlichte Darstellung von Ereignissen.

Alles in allem war es somit leider eine Enttäuschung, gerade weil ich so hohe Erwartungen durch den Namen der Autorin hatte. Ich musste mich fast ein bisschen zwingen, weiter zu lesen. Sehr schade und ich fürchte, ich werde mich in nächster Zeit nicht an ein weiteres Buch von ihr wagen.

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Category:Roman

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