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Rezension Der Apfelbaum von Christian Berkel

Rezension Der Apfelbaum von Christian Berkel

Titel: Der Apfelbaum

Autorin: Christian Berkel

Verlag: Ullstein

ISBN: 978-3-550-08196-5

Seitenzahl:  416

Erscheinungsdatum: 12. Oktober 2018

Preis: 22,00 €


Kurzbeschreibung Der Apfelbaum von Christian Berkel

Als sich die dreizehnjährige Sala und der siebzehnjährige Otto 1932 in Berlin ineinander verlieben, wissen sie noch nicht, welche Schwierigkeiten das Leben für sie bereithalten wird. Durch die unterschiedlichen Lebensumstände, sowohl was die Familien als auch die Religion angeht, kommt es während des Zweiten Weltkriegs und auch danach zu vielen kleinen und großen Problemen. Und doch finden sie immer wieder zueinander.

Der Schauspieler Christian Berkel beschreibt in einem Roman die Geschichte seiner Familie. Er setzt sich dabei intensiv mit Eltern und Großeltern auseinander, die beide Weltkriege durchlebt haben. Anhand von Briefen, Akten und Dokumentationen versucht er die Lücken zu schließen, die seine Mutter nicht füllen wollte oder konnte, und nimmt uns dabei mit auf eine Reise in die Vergangenheit. Auf eindrucksvolle Weise setzt er sich mit dem Thema Erinnern und Vergessen auseinander; etwas, das die Leben aller Nachkriegsgenerationen und ihrer Nachkommen prägt.


Rezension Der Apfelbaum von Christian Berkel

Christian Berkel und seine Geschichte

Den Schauspieler Christian Berkel kennen sicherlich die meisten Menschen, die am deutschen Film interessiert sind. Ich persönlich liebe seine Serie “Der Kriminalist” und war dementsprechend auf dieses Leseexemplar sehr gespannt. Ich habe nach den ersten Seiten nochmal auf dem Klappentext nachgelesen, ob es denn nun ein Roman, also eine fiktive Geschichte, ist, oder nicht. Es ist ein Roman, aber angelehnt an Berkels eigene Familiengeschichte. Eine spannende Idee und genau deshalb vielleicht auch so toll geschrieben.

Berkel beginnt seine Geschichte in der heutigen Zeit. Seine Mutter, Sala, ist inzwischen über 90 und ein wenig dement, die Ärzte haben angekündigt, dass es sich verstärken wird und Berkel möchte die Zeit nutzen, um noch mehr über seine Familie und seine Vergangenheit zu erfahren. Doch immer wieder tauchen Lücken auf, Ungereimtheiten, und er weiß nicht, ob es die Demenz ist, die diese Geschichten aus seiner Mutter hervorsprudeln lassen, oder ob etwas Wahres dahinter steckt. Deshalb macht er sich auf die Suche, er fährt sowohl alleine an bedeutsame Plätze seiner Familiengeschichte, als auch gemeinsam mit seiner Mutter, die sich dort wieder erinnern soll und es auch teilweise tut.

Kurze Rückblicke gibt es in Berkels Kindheit, in der auch ein wichtiger Schlüsselmoment des Romans stattfindet. Er sitzt im Garten unter dem Apfelbaum, der diesem Buch den Titel gab, und hört, wie seine Mutter zu Besuchern sagt, ihr Sohn sei nicht ganz jüdisch und nicht ganz deutsch. Dieser Moment hat ihn erschreckt, verängstigt, aber auch neugierig gemacht auf seine Vergangenheit, denn was genau war er denn nun?

Sala Nohl und Otto Berkel

Im Wechsel zu diesen Kapiteln erfährt man als Leser dann die Geschichte von Berkels Familie, zumindest so, wie er sie uns in seinem Roman erzählt:

Sie beginnt mit Berkels Vater, Otto, und berichtet recht nüchtern von seiner Familienkonstellation, von Mutter Anna, die zum dritten Mal verheiratet ist und deren große Liebe Ottos Vater war; von dem Bordell im gleichen Haus und der Angst, seine große Schwester Erna könnte dort hineingeraten; vom gewalttätigen Stiefvater, der immer die kleine Schwester Inge bevorzugt; von der Kinderlandverschickung und den schrecklichen Zuständen dort. Aber auch davon wie sich der kleine, schmächtige Otto mit viel Disziplin und Ausdauer seinen Weg erkämpft, Ringer wird, zur Oberschule gehen darf, aber sich dort nicht zugehörig fühlt, genauso wenig wie zuhause.

Otto sitzt zwischen allen Stühlen und gerät auf die schiefe Bahn. Gemeinsam mit ein paar Kumpanen spielt er zu viel, verzockt sein ganzes Geld und begeht schließlich Wohnungseinbrüche. Bei einem dieser Einbrüche landet er in der Wohnung von Johannes Nohl, der eine beeindruckende Bibliothek hat. Vollkommen in den Anblick der Bücher versunken bemerkt er nicht, dass die Polizei ihnen auf der Spur ist und wird gerade noch gerettet: von Sala, der dreizehnjährigen Tochter des Eigentümers.

Ab diesem Zeitpunkt verändert sich sein Leben, denn er ist rettungslos verliebt und Sala geht es genauso. Ihr Vater, der eigentlich auch ein erotisches Interesse an Otto hat, toleriert und unterstützt die Beziehung der beiden und motiviert Otto, mehr aus seinem Leben zu machen; was dieser annimmt und bald darauf sein Medizinstudium beginnt.

Soweit könnte alles nach einem Happy End klingen, wenn nicht der Zweite Weltkrieg dazwischen gekommen wäre. Salas Mutter ist Jüdin. Sie lebt von ihr und dem Vater getrennt mit einem jüngeren Mann in Madrid und Sala denkt zu Beginn noch, damit habe sich die Sache erledigt, sie sei doch ein “deutsches Mädchen”. Wie wir alle wissen, war es leider nicht so einfach. Eine jüdische Mutter, ein bisexueller Vater, denkbar schlechte Karten für ein junges Mädchen zu dieser Zeit.

Sala beschließt schweren Herzens, zu ihrer Mutter nach Madrid zu gehen. Die Zusammenführung von Mutter und Tochter nach so vielen Jahren funktioniert nicht. Zu viele unausgesprochene Fragen und Vorwürfe, zu viele zurückgehaltene Emotionen und zwei nicht ganz einfache Charaktere. Und so zieht es Sala zu ihrer Tante nach Paris, wo sie ein paar weitere Monate unbehelligt leben und studieren kann.

Während Otto als Arzt in den Krieg zieht, wo er später in russische Kriegsgefangenschaft gerät, landet Sala für eine Weile im französischen Gefangenenlager Gurs. Beide erleben schreckliche Dinge, über die sie nie sprechen werden, aber sie überleben und finden Jahre nach dem Kriegsende wieder zusammen.

Erinnern und Nicht-Vergessen

Der Apfelbaum hat mich unheimlich beeindruckt. Ich habe schon viele Geschichten über die Zeit des Zweiten Weltkriegs gelesen, auch viele, die deutlich dramatischere Schicksale beschrieben. Aber hier geht es nicht nur um eine reine Erzählung, sondern auch um eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit selbst.

Es geht um das Wagnis der Erinnerung für jeden unter uns. Wann dieser Vorgang als abgeschlossen gelten darf, mag jeder für sich entscheiden. Aber wollen wir die Erinnerung benutzen, um uns von etwas zu befreien, das wir nicht getan haben, oder wollen wir mit ihr versuchen, das Bild unserer Identität zu schärfen, zu der auch die Vergangenheit des Zwanzigsten Jahrhunderts und des deutschen Völkermords an den europäischen Juden gehört? Erst mit der Erinnerung gewinnt unser Leben ein Gesicht.

(Der Apfelbaum, Christian Berkel, Ullstein 2018, S. 211)

Ich vermute, so geht es vielen von uns, oder noch mehr der Generation unserer Eltern. Viele Fragen über die eigene Vergangenheit und die der Familie bleiben offen; ob es jetzt daran liegt, dass diejenigen, die den Zweiten Weltkrieg miterlebt haben, nicht darüber reden wollen, oder daran, dass wir es nicht wissen wollen. So schmerzhaft für den Einzelnen die Erinnerungen sein mögen, umso wichtiger ist das kollektive Erinnern, das Nicht-Vergessen. Berkel hat einen meiner Meinung nach sehr scharfen Sinn, das Gewesene zu beobachten und zu interpretieren; nicht indem er eine Abhandlung darüber schreibt, sondern indem er es in einem Roman verpackt. Gerade heute, wo dieses Thema leider wieder aktuell zu werden scheint, finde ich seine Sichtweise wichtig, denn:

Zuerst stirbt der Mensch, dann die Erinnerung an ihn. Für diesen zweiten Tod tragen wie Nachgeborenen die Verantwortung. Wollen wir mit dem Satz Irgendwann muss doch mal Schluss sein die Menschen von damals ein zweites Mal ermorden? Wie viele Namen wollen wir denn mit einem sauberen Schlussstrich eliminieren?

(Der Apfelbaum, Christian Berkel, Ullstein 2018, S. 212)

Immer wieder bekommt man in diesem Buch auch vor Augen geführt, was der Krieg und die schrecklichen Erlebnisse mit den Menschen gemacht haben. Nicht ohne Grund war schon Ottos Stiefvater gewalttätig, sondern hat wohl auf diese Art das Erlebte im Ersten Weltkrieg verarbeitet. Auch Otto und Sala haben ihre eigene Art, damit umzugehen, zu verarbeiten, aber auch zu verdrängen und zu verschweigen. Berkel schreibt über seine Mutter:

Vor mir lag die Karriere einer Depression, vielleicht auch einer Verzweiflung, deren späte Stationen ich als Kind und Jugendlicher immer wieder erlebte, bis ich versuchte, es ihr gleichzutun, so wie alle Kinder in ähnlicher Lage versuchen, ihre schweigenden Mütter auf diesem Weg zu entdecken, bis sich das schwarze Ungeheuer auch auf ihrer Brust niederlässt, um ihnen den Atem auszupressen.

(Der Apfelbaum, Christian Berkel, Ullstein 2018, S. 374)

Die Gräuel, die Otto und Sala und mit ihnen so viele andere Menschen zu dieser Zeit erlebt und mit angesehen, vielleicht auch teilweise begangen haben, verändern einen, MÜSSEN einen ja verändern. Das Thema aufzugreifen und damit für diejenigen begreifbar zu machen, die nicht dabei waren, finde ich sehr wichtig; besonders vor dem Hintergrund dass in so vielen Ländern der Welt immer noch der Krieg das Leben der Menschen beherrscht.

Fazit

Der Apfelbaum ist nicht nur eine beeindruckende Familiengeschichte, sondern auch die Aufforderung, uns mit unserer Vergangenheit auseinander zu setzen. Obwohl es ein Roman ist, sind die biografischen Details Christian Berkels prägend für die Geschichte. Dementsprechend war es für mich auch gar nicht so wichtig, ob mir die Figuren jetzt immer sympathisch sind oder ich alle ihre Handlungen nachvollziehen kann. Sala und Otto fühlen sich so echt an, während man liest, dass man sie mit all ihren Eigenarten und Macken hinnimmt. Denn keiner der Protagonisten ist ein einfacher Charakter, was auch die Spannung des Romans ausmacht.

Ich fand das Buch einfach toll und mag Bücher, die mir auch nach der letzten Seite noch durch den Kopf gehen und mich beschäftigen, so wie bei diesem hier. Christian Berkel macht nachdenklich ohne oberlehrerhaft den Zeigefinger zu erheben und überlässt es damit jedem Leser selbst, was er aus der Lektüre seines Debüt-Romans mitnimmt.


Dieses Buch wurde mir von meiner Lieblingsbuchhandlung, der Bücherinsel in Durmersheim, kostenlos zur Verfügung gestellt. Für das Verfassen der Rezension wurde ich nicht bezahlt.

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Category:Roman

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